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Tübingen Motette,St. George's Collegiate Church, Tübingen 

(Stiftskirche St. Georg)

2023.11.10

Kritiken & Press 

Kein Frieden in der Welt

Motette DieLeutzscherKammermusik gastierte in der Stiftskirche mit barocken Sopran-Kantaten.

Montag, 13. November 2023

Tübingen. Tübingen. An St. Laurentius in Leutzsch im Leipziger Nordwesten sind Christine Blanken und Detlev Schulten seit 2006 als Kirchenmusiker tätig. Auch die aus Korea stammende Sopranistin Sewon Kim und die gebürtig schwedische Violinistin Eva Salonen haben hier eine neue musikalische Heimat gefunden. Die „Leutzscher Kammermusik“ stattete der Stiftskirche am Samstag ihren Besuch ab – in der 3166. Motette mit rund 200 Zuhörern. Auf dem Programm barocke Solo- Kantaten für Sopran, Violine und Generalbass, die Schulten teils für die Besetzung des Ensembles arrangiert hatte.

Dieterich Buxtehudes „Singet dem Herrn ein neues Lied“ ist ei- ne noch frühbarocke Psalm-Kan- tate, ohne den später oft recht schematischen Wechsel von Rezitativ und Arie. Stattdessen komponiert Buxtehude eine fast suitenartige Satzfolge mit Tempokontrasten und instrumentalen Zwischenspielen. Blanken musizierte zunächst am Crijnen-Cembalo der Stiftskirche, Schulten an der Rohlf-Truhenorgel. Zwei unterschiedliche Tasteninstrumente im Continuo waren nicht unüblich im Barock: Die Haltetöne der Or- gel stabilisieren die Harmonien, die angerissenen Saiten des Cembalostakten den Rhythmus.

Sewon Kim, die derzeit an der Evangelischen Kirchenmusik- hochschule Halle studiert und ein Praktikum beim MDR Chor absolviert, gefiel mit glockig hellen Vokalen und charaktervoll differenzierten Stimmregistern, auch recht tragfähiger Mittellage. Noch klangvoller und runder waren ihre Vokalfarben in Händels „Un’alma innamorata“ („Eine verliebte Seele“), entstanden 1707 während sei- ner Lehrjahre in Rom. Die Begegnung mit Komponisten wie Corelli, mit der italienischen Musik und Lebensart löste bei Händel unge- heure kreative Energien aus. Aus diesem Fundus schöpfte er noch in seinem Spätwerk, immer wieder überarbeitet und weiterentwickelt. Überschäumend sinnenfreudige Musik. Den erotisch koketten Text schrieb wohl der Hauslehrer des Grafen Ruspoli, auf dessen Landsitz die Kantate uraufgeführt wurde. Der unbeschwert heiteren Lebensfreude gab Kim mit jubilierender Höhe Ausdruck. Ähnlich wie bei Buxtehude war die Farbgebung aber recht einförmig und flächig, ohne quasiszenisch auf Textdetails zu reagieren.

Das Leipziger Ensemble bedachte selbstverständlich auch seinen berühmten Thomaskantor. Bachs Violin-Sonate c-moll (BWV 1017) ist für „obligates Cembalo“ komponiert. Kein begleitender Generalbass, sondern ein ebenbürtiger Kammermusik-Part mit auskomponierten und werkgetreu zu spielenden Details. Die Violine musizierte im Wechsel mal mit dem Cembalo, mal mit der Truhenorgel, so dass beide Instrumente auch jeweils separat in ihrer Klangschönheit zu hören waren. Der Bogenstrich meist vibrato-arm geradlinig, mit innig intensivierten Tönen – wobei der Violin Part oft schnell an Spannung und Stringenz verlor.

Telemanns Kantate „Dass Herz und Sinn, o schwacher Mensch“ entsprach ganz dem spätbarocken Standardmodell einer Solo-Kantate: zwei Rezitative, zwei kontrastierende Arien. Die Rezitative waren recht liedhaft gesungen, hätten viel rhetorischer, sprechender sein dürfen. Aufhorchen ließen hier die Koloraturen.

Hatte das Programm mit Buxtehudes Lobpreis und Händels amouröser Idyllik begonnen, en- dete es mit Telemanns Mahnungen an den Sünder und der Abkehr von der schlechten Welt, zuletzt in der Final-Arie aus Vivaldis Kantate „Nulla in mundo pax“: „Es gibt keinen Frieden in der Welt“. Sehr schön die Koloraturen im abschließenden Halleluja, ein wunderbar leichter Mozart-Sopran.